Seite 7 Teil 2 Wie kann man im 21. Jahrhundert noch an Gott glauben? Auch wissen viele nicht mehr, wofür Christen eigentlich beten und worauf sie hoffen. Das bewegt Tobias Haberl in seinem Buch „Unter Heiden“ und er bringt eine erstaunlich klare Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist auf den Punkt. Bei aller geglaubten Machbarkeit spricht er auch über den Sinn des Leidens und das Aushalten von Glaubenszweifeln. Der Glaube und der Zweifel sind wie zwei Brüder, von denen der eine ohne den anderen nicht zu haben ist. Das musste auch Jesus erkennen, als er im Sterben verzweifelt nach seinem Vater ruft „mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“. Weiters ist die christliche Heilsgeschichte ohne Leid nicht denkbar. Jesus musste verraten werden, anders hätte er die Welt nicht erlösen können, ohne seinen Tod wäre die Rechnung nicht aufgegangen. Es ist der Grund warum ein Leben ohne Leid weder denkbar noch wünschenswert ist. Leid gehört nicht nur zwingend zum Menschsein. Es hat auch eine Bedeutung, weil es ohne Dunkelheit kein Licht, ohne Verzweiflung keine Hoffnung geben kann. Oder wie Nietzsche geschrieben hat: „Der Mensch allein lacht, weil er so tief leidet, dass er das Lachen erfinden musste“. Der moderne Mensch möchte, dass das Leid verschwindet. Das Leben soll nur noch lustvoll sein, aber das ist nicht möglich. Dunkle Stunden gehören nicht nur zum Leben, sie haben eine Funktion, weil der Mensch in ihnen seiner eigenen Wahrheit begegnet, weil er sich dabei kennenlernen und so ein besserer Mensch werden kann. Papst Benedikt war der Meinung, dass es für einen Menschen gefährlich sei, wenn er von Ziel zu Ziel eile und überall mit Lobpreis durchgehe. Besser sei es, wenn er eine Negativ-Phase durchleiden müsse, um sich selbst in seinen eigenen Grenzen erkennen zu können. Es gibt kein unbeschwertes Leben, und oft werden Tugenden wie Verantwortung, Solidarität und Empathie überhaupt erst durch Leiderfahrungen ausgebildet. Der Theologe Hans Küng schreibt: “Wer zugibt, dass er nicht hinter den Vorhang schauen kann, darf auch nicht behaupten, es sei nichts dahinter“. Alle Beweise der bedeutenden Atheisten reichten aus, um die Existenz Gottes fragwürdig zu machen, aber nicht, um Gottes Nicht-Existenz fraglos zu machen. Letztlich sei auch der Atheismus nicht beweisbar. Und so bleibt uns bis ans Ende aller Tage, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, nichts anderes übrig als der schönsten Glaubensdefinition überhaupt, der des Theologen Karl Rahner, zu folgen: „Glauben heißt, die Unbeweisbarkeit Gottes ein Leben lang aushalten“. Werner Heisenberg, einer der Begründer der Quantentheorie, sagte sogar einmal, dass der griechische Philosoph Platon vollkommen recht habe: Die wirkliche Welt sei geistig und wir sehen nur einen Schatten von ihr. Und Heisenbergs Tochter Christine berichtete, dass die Augen ihres Vaters dabei gestrahlt hätten, wie die Augen eines Kindes. Diese Welt, so habe Heisenberg ein ums andere Mal bezeugt, diese innere Welt, die alles Äußere zusammenhält, sei von so unglaublicher Schönheit, dass es einem den Atem nehme. Oder anders: Wer das Unberechenbare von vornherein ausschließt, wird das Ganze nicht erfahren. + Peter Lechleitner (Quelle: Tobias Haberl: „Unter Heiden“, btb-Verlag) GEORGS BOTE MÄRZ 2026 FRIEDENS- GEBET FRANZ VON ASSISI LEIDENSFÄHIGKEIT, GLAUBE, ZWEIFEL – CHRISTSEIN IN EINER SÄKULARISIERTEN WELT HERR, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst, dass ich verzeihe, wo man beleidigt, dass ich verbinde, wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist, dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht, dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert, dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt. HERR, lass mich trachten, nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste, nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe, nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. Denn wer sich hingibt, der empfängt, wer sich selbst vergisst, der findet, wer verzeiht, dem wird verziehen, und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. + Ausgewählt von: Anna Böhm
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