Seite 4 Die Legende des heiligen Georg ist eine sehr berühmte. In einem See vor der Stadt Silena in Libyen hauste ein Drache, der mit seinem giftigen Hauch die Stadt verpestete. Die Einwohner mussten ihm täglich Lämmer opfern, um seinen Grimm zu stillen. Als keine Tiere mehr aufzutreiben waren, forderte der Drache die Söhne und Töchter der Stadt. Eines Tages traf das Los die Tochter des Königs. Sie nahm tränenreich Abschied von ihren Eltern und trat vor die Stadt. Da erschien Georg, schwang mit dem Zeichen des Kreuzes die Lanze und durchbohrte den Drachen, der zu Boden stürzte. Der König und das ganze Volk ließen sich taufen. Interessant ist, dass diese Legende literarisch aus dem Gedankengang heraus entstanden sein dürfte, dass die Christen das Böse bekämpfen und überwinden müssen, indem sie ein neues Bewusstsein gewinnen, ihr Glaubensbewusstsein immer wieder neu schärfen, neu ausrichten und kalibrieren. Was immer die anderen sagen: Meine persönliche Haltung, mein persönlicher Zugang zu Jesus ist hier gefragt. In der Beantwortung dieser Frage darf sich keiner hinter vorformulierten Aussagen verstecken. Jesus konfrontiert mich mit seiner Person, Jesus fordert mich zu einem persönlichen Glaubensbekenntnis heraus. Der Dialog, der zwischen Jesus und Petrus entsteht, ist für die Findung einer Antwort exemplarisch. Es geht um das Messias-Verständnis, das Jesus sofort erläutert. Der Messias Gottes ist der, der für die ganze Menschheit am Kreuz stirbt, ist der, der in seiner Auferstehung der ganzen Menschheit die Vollendung des Lebens bei Gott schenkt. Dieses erläuterte Messias-Verständnis muss sich in meiner Glaubenspraxis widerspiegeln. Das Evangelium nennt es die Kreuzesnachfolge. Wie der Messias Jesus sein Leben für uns am Kreuz hingegeben hat, so ist der Christ in seinem Glauben gefordert – in welcher Radikalität auch immer – sein Leben nicht um sich selbst kreisen zu lassen, sondern Christus nachzufolgen, Christus zum Mittelpunkt meines Lebens werden zu lassen, Christus, dem ich im Mitmenschen begegne, Christus, der mich im Gesicht der Menschen, die mir begegnen, ansieht. Zum Negativbeispiel wird Petrus, der in unserem Evangelium zwar ein wunderschönes Glaubensbekenntnis spricht, aber nach der Gefangennahme Jesu lieber Jesus verleugnete als sich selbst, weil er meint, damit seine eigene Haut retten zu können. – Für wen hat Petrus in diesem Augenblick Jesus gehalten? Für den Christus, dem er nachfolgt? Ein anderes Beispiel hat uns der heutige Tagesheilige am 22. Juni gegeben, Thomas Morus. Der auf der politischen Karriereleiter steil und weit nach oben gekommene, mit dem englischen König eng vertraute Thomas Morus gerät in einen schweren Konflikt mit König Heinrich VIII., als sich dieser zum Oberhaupt der Kirche machte, weil ihm der Papst die Scheidung von seiner Frau verweigerte. Thomas Morus wurde eingekerkert. Der König entzog ihm und seiner ganzen Familie alle Besitztümer; er ließ ihn am Ende enthaupten. Aus zahlreichen Briefen, die Thomas Morus seiner Tochter aus dem Gefängnis geschrieben hat, wissen wir, wie Thomas Morus mit seinem Gewissen gekämpft hat, aber von seiner Treue zu Jesus Christus, von seiner Spur in der Nachfolge des Christus nicht abgewichen ist. Thomas Morus hat nicht sich in den Mittelpunkt gestellt und hat am Ende nicht nur seine eigene Haut retten wollen. In der Schärfung unseres Glaubensbewusstseins, in unserer Kalibrierung unserer Glaubenspraxis dürfen wir uns das Gebet des Thomas Morus im Gefängnis zu eigen machen: „Schenke mir eine Seele, Herr, der die Langeweile fremd ist, die kein Seufzen und Klagen kennt, und lass nicht zu, dass ich mir allzu viele Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich Ich nennt.“ + Anton W. Höslinger Can.Reg. Propst des Stiftes Klosterneuburg PREDIGT VON PROBST ANTON W. HÖSLINGER CAN.REG. – ANLÄSSLICH UNSERES PATROZINIUMS
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