Georgsbote No. 170 | März 2026

Künstliche Intelligenz wird oft gefeiert wie eine Erlösungsmaschine. Effizient, objektiv, unermüdlich soll sie sein – und möglichst viele menschliche Entscheidungen ersetzen. Doch je selbstverständlicher Algorithmen unseren Alltag strukturieren, desto dringlicher wird eine unbequeme Frage: Wer trägt Verantwortung, wenn Maschinen urteilen? Unbestreitbar ist der Nutzen. KI recherchiert umfangreich und in die Tiefe, beantwortet in Windeseile Fragen, gibt wertvolle Tipps und Aufklärung über komplexe Sachverhalte, erkennt Krankheiten früher, optimiert Verkehrsflüsse, spart Energie, beschleunigt Forschung. Sie kann unterstützen, entlasten und verbessern. Sie ist unglaublich geduldig bei Nachfragen und klingt sympathisch, obwohl sie keine Gefühle hat. Ihre Antworten müssen – v. a. bei unpräzisen Fragestellungen – nicht immer stimmen, müssen daher immer auf Plausibilität überprüft werden. Sie kann aber auch aussortieren, diskriminieren und entmündigen – leise, effizient und oft unsichtbar. Wer keinen Kredit bekommt, keinen Job, keine Versicherung, erfährt zunehmend nur noch das Ergebnis, nicht mehr die Begründung. Gerade darin liegt die Gefahr: Nicht die Technik selbst ist das Problem, sondern die Versuchung, Verantwortung an sie abzugeben. Was effizient erscheint, gilt schnell als richtig. Was berechenbar ist, als gerecht. Der Mensch wird zur Variable im System. Hier setzt die ethische Mahnung der Kirche an, speziell unter Papst Leo XIV, der sich ausführlich damit auseinandersetzt („Antiqua et nova“) und viele Chancen zur positiven Lebensbewältigung durch die KI sieht. Dennoch: Die Kirche versteht Technik nicht als neutralen Fortschritt, sondern als moralische Frage. Maßstab ist nicht Effizienz, sondern Menschenwürde. Nicht alles, was möglich ist, ist erlaubt. Nicht alles, was rechnet, versteht. Leo XIV steht – in der Tradition der katholischen Soziallehre – für eine klare Priorität: Technik hat dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Künstliche Intelligenz darf Werkzeug sein, aber niemals Richter. Entscheidungen über Leben, Chancen und Würde dürfen nicht an Systeme delegiert werden, die weder Verantwortung tragen noch Mitgefühl kennen. Diese Haltung ist kein Technikpessimismus. Sie ist Realismus. Wer glaubt, KI sei objektiv, verkennt, dass sie menschliche Vorurteile nur schneller und skalierbarer reproduziert. Wer glaubt, Kontrolle ließe sich automatisieren, verwechselt Steuerung mit Verantwortung. Deshalb braucht KI Grenzen: rechtlich, ethisch, politisch. Transparenz, menschliche Letztentscheidung und klare Haftung sind kein Innovationshemmnis, sondern Voraussetzung für Vertrauen. Eine Gesellschaft, die sich von Algorithmen treiben lässt, verliert mehr als Arbeitsplätze – sie verliert Urteilskraft. Künstliche Intelligenz kann viel. Aber sie darf nicht bestimmen, was der Mensch wert ist. Diese Entscheidung muss menschlich bleiben. + Peter Lechleitner Er sei Papst Leo XIV. sehr dankbar, dass er den von seinem Vorgänger Franziskus eingeschlagenen Weg weitergehe, betonte der neuernannte Erzbischof. Besonders nehme er sich daraus den Satz „Die Lebenssituation der Armen ist ein Schrei, der die Praxis der Kirche ständig hinterfragt“ zu Herzen. Er wolle sich bemühen, mit den Armen in Kontakt zu bleiben und danke allen, die diesen Weg mit ihm gehen und unterstützen wollten. „Wo es um Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden, den Schutz des Lebens oder die Bewahrung der Schöpfung geht, wird die Kirche weiterhin ihre Stimme erheben.“ Er verwies auf die vielen positiven Beispiele von gelebter Kirche im Alltag, gäbe es doch allein in der Erzdiözese Wien mehr als 75.000 Ehrenamtliche, 2.000 Hauptamtliche und 1.400 Religionslehrerinnen und -lehrer. „Kirche ist besser als ihr Ruf. Sie lebt in den Pfarren, in geistlichen Gemeinschaften, in der Caritas, in den Schulen“, so der Erzbischof. Beachtlich ist sein Wunsch nach einer Weiterentwicklung der kirchlichen Praxis und des Kirchenrechts hinsichtlich der Rolle der Frauen sowie auch beim Zölibat. „Ich meine, es sollte sich hier was ändern“, so der neue Wiener Erzbischof; er wolle bei diesen Fragen seine schon bisher vertretene Linie weitergehen, immer jedoch in Einheit mit der Kirche. + Seite 3 KÜNSTLICHE INTELLIGENZ: SEGEN ODER BEDROHUNG? GEORGS BOTE MÄRZ 2026

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